28
Okt
2015
334

Was bedeutet „covern“?

Covern bedeutet frei übersetzt abdecken oder Deckung und gemeint ist damit eine – in meinen Augen sehr fragwürdige – Form der Absicherung. Der Cover wird dabei auch gern als Schutzengel bezeichnet.

Da sich BDSMler in der heutigen Zeit häufig über Internetforen kennen lernen, haben sich ein paar Schlauköpfe Gedanken darüber gemacht, eine Art Psycho- oder Soziopathenschutz zu installieren, der Menschen vor Übergriffen schützen soll. An sich ist das sicherlich ein hehres Ziel, nur bei der Umsetzung ist leider der Sinn auf der Strecke geblieben. In unserem Zusammenhang bedeutet covern im Klartext folgendes:

Angenommen, ich habe einen Mann oder eine Frau im Internet kennengelernt. Angenommen, ich finde diesen Menschen aufgrund unseres Internetkontaktes reizvoll oder spannend. Und angenommen, ich möchte diesen Menschen nun gerne in der Realität treffen. Der Tag, die Uhrzeit und der Treffpunkt sind vereinbart. Nun informiere ich mein Cover, beispielsweise einen Freund oder Freundin, über die Details meiner Verabredung und gebe gleichzeitig den Auftrag, mich zu einer fest vereinbarten Zeit anzurufen. Bei diesem Telefonat soll mein Cover erfragen, ob mit mir alles in Ordnung ist und meine neue Internetbekanntschaft mich auch nicht entführt, vergewaltigt oder umgebracht hat. Ist unser Treffen um 18 Uhr, dann bitte ich mein Cover gegen 19 Uhr kurz anzurufen. Alternativ kann ich meinem Cover auch bestimmte Daten zukommen lassen, beispielsweise das Autokennzeichen meiner Verabredung, eine vorher per E-Mail geschickte Personalausweiskopie, ein Foto meines Gegenübers oder ähnliches. Sollte ich mich zur vereinbarten Zeit nicht melden, so ist mein Cover verpflichtet, die Polizei zu informieren und alle bekannten Daten zu übermitteln.

Abschreckung wie „Tu mir besser nichts, denn mein Cover hat alle Daten von Dir.“ wird bei einem wirklichen Psycho- oder Soziopathen wohl kaum Eindruck schinden.

Für mich stellt sich dabei jedoch folgende Frage: was hilft das, wenn ich wirklich an einen kriminellen Menschen mit kriminellen Absichten gerate?

Möglicherweise habe ich Glück und wurde nicht von dem vereinbarten Ort verschleppt und der Personalausweis, das Foto und auch das Autokennzeichen meiner Verabredung waren nicht gefälscht. Vergewaltigt oder tot bin ich dann zwar dennoch, aber man könnte meinen Mörder anhand der Informationen zur Verantwortung ziehen. Möglicherweise kann ich auch noch an das Telefon gehen und meiner Freundin sagen, dass alles in Ordnung ist, bevor ich zehn Minuten später verschleppt, vergewaltigt oder umgebracht werde. Wie man es dreht und wendet: schützen wird mich das covern nicht, denn auch Abschreckung wie z.B. „Tu mir besser nichts, denn mein Cover hat alle Daten von Dir.“ wird bei einem wirklichen Psycho- oder Soziopaten wohl kaum Eindruck schinden.

Das bringt mich zur nächsten Frage: wenn es vielleicht nichts hilft, dann schadet es aber vielleicht auch nicht? Und auch hier bin ich gänzlich anderer Meinung, denn der Vorgang des Coverns erschafft eine Scheinsicherheit, die definitiv nicht gegeben ist. Jeder Mensch hat sehr feine Antennen, besonders in Gefahrensituationen, jedoch eine vorgetäuschte Sicherheit kann meine eigene Wahrnehmung verändern. Wenn ich mich selbst in der Sicherheit des „gecovert-seins“ wiege, nehme ich unter Umständen eine akute Gefahr schwächer oder gar nicht wahr, denn „schließlich kann mir ja nichts passieren“.

Ich persönlich bin ein großer Freund davon, mich nicht von Ängsten oder Unsicherheiten abhalten zu lassen – aber dann auch bitte mit dem dafür nötigen Bewusstsein! Das bedeutet: wenn ich es riskieren will, dann bitte auch in dem Bewusstsein einer möglichen Gefahr, denn dann werde und kann ich ggf. anders und besser auf die Situation reagieren oder vermeide im Vorfeld einige Gefahrenquellen.

Mein persönlicher Tipp ist deshalb: nicht abhalten lassen aber die Risiken minimieren, indem ich einen öffentlichen Ort wie ein Café oder Restaurant für ein erstes Treffen wähle, gut auf das eigene Bauchgefühl höre und im Bedarfsfall lieber gleich meine Freundin unauffällig am Nachbarstisch platziere.

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